Jouschus gehen fremd

Wie aus «kleinen Geschichten» die grosse Welt wird

May 29, 2026

Lesezeit

Von

Jovana Nikic

Von Anfang März bis Ende Mai 2026 verbringen die Jouschus drei Monate in einer fremden Redaktion. Jede Woche berichtet eine oder einer von ihnen von den Erfahrungen aus dem Praktikum.

Von Anfang März bis Ende Mai durfte ich meine journalistische Rotation bei der «Berner Zeitung» und dem «Bund» absolvieren. Ein intensives, lehrreiches und vor allem vielseitiges Quartal in der gemeinsamen Berner Grossredaktion liegt hinter mir. Zeit, einen Blick zurückzuwerfen – auf den Puls des Berner Lokaljournalismus, skurrile Polizeimeldungen, weltpolitische Verflechtungen vor der eigenen Haustür und Momente, in denen ich selbst auf der Bühne stehen durfte.

Ein historischer Wechsel

Ich durfte einen Meilenstein hautnah miterleben: den grossen Umzug der Redaktion weg vom alten Standort in der Lorraine in den modernen Neubau direkt am Bubenbergplatz. Ein Tapetenwechsel, der nicht nur neue Räume, sondern auch eine neue Dynamik mit sich brachte.

Was mich dabei besonders berührt hat: Auf dieser Redaktion wird nicht nur die Arbeit geschätzt, sondern auch der Mensch dahinter. So wurden im Team schnell meine Qualitäten als Kleinkünstlerin entdeckt und gefördert. Das absolute Highlight dieser Anerkennung folgte an der Berner Museumsnacht: Im Namen von «Berner Zeitung» und «Bund» durfte ich gleich drei Auftritte absolvieren. Vor einem riesigen Publikum von mehreren Tausend Personen durfte ich meine eigenen Texte und Programme zum Besten geben und Journis wie auch Leserinnen in den neuen Räumlichkeiten willkommen heissen. Eine unvergessliche Erfahrung, die zeigt, wie viel Herz und Kultur in diesem Medienhaus stecken.

Von Kafi und zwei Sitzungen

Wer im Tagesjournalismus arbeitet, gewöhnt sich schnell an einen klaren, morgendlichen Rhythmus. Mein Tag startete jeden Morgen pünktlich um 08:10 Uhr mit der ersten Sitzung – der grossen Runde für alle Tagesreporterinnen und -reporter. Hier wird die allgemeine Nachrichtenlage gescannt: Was ist über Nacht passiert? Was brennt heute an?

Nur zwanzig Minuten später, um 08:30 Uhr, folgte die zweite Sitzung, dieses Mal spezifisch für das Ressort Bern, in dem ich das Privileg hatte mitzuarbeiten. Hier ging es ans Eingemachte für die Region: Welche Berner Themen besetzen wir heute, wer geht wohin und wie gewichten wir die Geschichten für den Tag?

Zwischen Reizgas, Brokkoli-Diebstahl und der BEA

Insgesamt 24 eigene Texte habe ich in meiner Zeit in Bern verfasst. Der Tagesjournalismus hat mir dabei die gesamte Bandbreite des Lebens vor Augen geführt – von absurd bis hochgradig politisch. Ob bei Demonstrationen, im Rathaus oder im Kafi um die Ecke.

Ich berichtete über Klimaaktivisten, die plötzlich an Tankstellen standen, ohne sich festzukleben; ich schrieb über einen Reizgasausbruch in einem Berner Club, der die Nachtszene aufwühlte, und über den Fall von sage und schreibe 100 Kilogramm gestohlenem Brokkoli in Hindelbank.

Auch die Berner Grossereignisse durfte ich hautnah begleiten. An der Frühlingsmesse BEA war ich mittendrin, schrieb über die Kunst der Marktschreier bis hin zur feierlichen Eröffnungsfeier. Am Berner Wahltag durfte ich den Live-Ticker betreuen und erleben, wie digitaler Journalismus unter extremem Zeitdruck funktioniert. Für den berühmten Grand Prix von Bern begleitete ich das Event mit gleich drei Artikeln und ging unter anderem der Frage nach, wie über 33'000 Event-T-Shirts den Weg von China nach Bern finden. Und ja, auch der Service-Journalismus kam nicht zu kurz: Von bunten Listicles fürs Osterfest bis zur Faktensammlung über Kuno Lauener zu seinem 60. Geburtstag war alles dabei.

Wenn Lokaljournalismus global wird

Dass Lokaljournalismus alles andere als provinziell ist, merkte ich bereits an meinem zweiten Arbeitstag. Nach dem Ausbruch des Konflikts im Iran startete ich gemeinsam mit einem Kollegen eine grosse Recherche. Wir porträtierten Exil-Iranerinnen in Bern und gaben ihnen eine Stimme. Die Resonanz auf die Geschichte war so überwältigend, dass wir dazu direkt auch noch eine Podcast-Folge aufnehmen durften – eine grossartige Erfahrung. Iranerinnen und Iraner aus verschiedenen Teilen der Welt kontaktierten mich nach dieser Geschichte.

Meine Arbeit führte mich zu den Top-Entscheidern der Region: Ich führte Interviews mit dem CEO der BLS und dem CEO der Bernexpo und porträtierte den einstigen Generalsekretär der Universität Bern. Ich widmete mich einer Geschichte über den Rosengarten und tauchte für eine investigative Recherche in völlig andere Welten ein, indem ich mich auf einer Swingerplattform anmeldete. Dabei habe ich viel mit Behörden, Medienstellen und Expertinnen gesprochen.

Warum Kultur alles entscheidet

Nach diesen drei Monaten ziehe ich ein Fazit: Eine gute Redaktion steht und fällt mit den Menschen. Sie setzt sich aus motivierten Leuten zusammen, die aktiv das Gespräch suchen. Natürlich gibt es Hierarchien – das bringt die Struktur eines Medienhauses mit sich. Aber was ich bei «Berner Zeitung» und «Bund» erlebt habe, war ein offener Diskurs, der Wille, auch unkonventionellen Ideen eine echte Chance zu geben, und eine tief verankerte Feedbackkultur. Genau das hat mir als junger Journalistin den Raum gegeben, produktiv, mutig und vor allem neugierig zu bleiben.

Manchmal neigt man zu Beginn der Karriere dazu, den Lokaljournalismus als ein blosses Sammelsurium von Geschichten abzutun, die nur wenige Menschen betreffen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Diese Geschichten sind das Sinnbild dafür, was sich auf nationaler und globaler Ebene abspielt. Egal, ob es um die Sorgen auf einem kleinen Berner Bauernhof geht oder um die strategischen Entscheide einer grossen Firma – im Lokalen spiegelt sich die ganze Welt. Danke an das gesamte Team für diese Erfahrung zwischen Lorraine, Bubenbergplatz und der grossen Bühne!

Unser Journalismus ist wahrhaftig und fair. Er hilft Bürgerinnen und Bürgern, ihr Umfeld und die Welt besser zu verstehen, Ereignisse einzuordnen, sich eine fundierte Meinung zu bilden und Entscheidungen zu treffen. Das gelingt, indem wir vertrauenswürdig informieren. Wir orientieren uns an Fakten und trennen klar zwischen Berichterstattung und Kommentar. Unser Journalismus ist unabhängig. Technologischen Entwicklungen stehen wir offen gegenüber.
Haben Sie Fragen, Anregungen oder Feedback.

Ringier Journalistenschule
Dufourstrasse 23
8008 Zürich

Ringier Journalistenschule 2025©

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