Jouschus gehen fremd
Vom Bellevue in die Biosphäre: Mein Rollentausch im Entlebuch
Apr 24, 2026
Lesezeit
4 Min.

Von

Deborah Odermatt
Drei Monate lang tausche ich den Newsroom des Blicks gegen das Entlebucher Medienhaus in Schüpfheim. Statt hektischer Breaking News, Klickzahlen und einem Mikrofon in der Hand erlebe ich im Rotationspraktikum Lokaljournalismus, der buchstäblich noch an der Wand wächst.
Normalerweise ist mein Arbeitsalltag geprägt von digitalen Dashboards, Klickzahlen in Echtzeit und der konstanten Geschwindigkeit der Zürcher Medienwelt. Den Finger habe ich ständig am Puls der Algorithmen und der aktuellen Trends – alles ist digital, alles ist «Social First». Doch seit Anfang März sieht mein Morgen anders aus: Statt mit der S-Bahn durch Zürich zu rattern, pendle ich von Luzern aus mit meiner Vespa über kurvige Strassen, vorbei an grünen Hügeln, tief hinein in das UNESCO-Biosphärenreservat Entlebuch.
Wo das Handwerk noch Papier braucht
Gegründet 1879, ist der «Entlebucher Anzeiger» die älteste Zeitung im Kanton Luzern, die noch unter ihrem ursprünglichen Namen erscheint. Doch nicht nur der Name hat Tradition, auch die Arbeitsweise war für mich als «Digital Native» erst einmal ein kleiner Kulturschock. In der Redaktion wird das Zeitungsmachen noch als echtes Handwerk gelebt. Während wir beim Blick alles am Bildschirm entscheiden, wächst die Zeitung in Schüpfheim physisch an der Wand.
Jeden Montag und Donnerstag ist Produktionstag. Während ich es gewohnt bin, dass Inhalte innerhalb von Minuten online gehen und wieder verschwinden, ist die Stimmung hier bis zum Redaktionsschluss um 17.00 Uhr konzentriert, fast schon etwas angespannt. Die Tagesleitung verteilt angelieferte Texte von Veranstaltungen oder von Vereinen aus der Region, wir redigieren diese und passen sie an den hauseigenen Stil an. Das Faszinierende dabei: Jede fertige Seite wird erst klein auf A4 gezeichnet, vom Blattmacher platziert, dann auf A3 ausgedruckt und an die Wand gepinnt. Am Ende des Tages steht man vor einer kompletten Zeitung aus Papier, bevor sie überhaupt in den Druck geht. Zum Abschluss erhält jeder im Team einen Ausdruck der Frontseite zum finalen Korrekturlesen. Fehlersuche mit dem Kugelschreiber statt Korrekturen im CMS – eine Entschleunigung, die eine ganz eigene Form von Sorgfalt erzwingt.



Nahaufnahme statt Weitwinkel
Auch inhaltlich ist die Umstellung gross. Statt für eine anonyme Millionen-Community auf Social Media zu produzieren, schreibe ich für Menschen, denen man am nächsten Tag beim Bäcker oder auf der Strasse begegnet. Mein erster Auftrag führte mich direkt ins Herz der Region: ein Interview im Alterswohnheim Bodenmatte zum Thema Lehrstelle als Fachfrau/Fachmann Gesundheit (FaGe). Hier zählen nicht die schnellen Klicks, sondern die Relevanz für die neun Gemeinden von Wolhusen bis Flühli. Das Team aus zehn Redaktionsmitgliedern und mir als Praktikantin meistert dabei alles selbst – von der ersten Recherche über das Verfassen der Texte bis hin zum Layout der eigenen Seiten.
Was ich aus der Biosphäre mitnehme
Obwohl ich die Geschwindigkeit und die Dynamik der Social-Media-Welt liebe, geniesse ich die drei Monate beim «EA» sehr. Ich wurde vom ersten Tag an voll in den Redaktionsalltag einbezogen und lerne, dass guter Journalismus nicht immer die lautesten Schlagzeilen braucht, um die Menschen zu erreichen. Manchmal reicht eine fundierte Geschichte über das Leben vor der eigenen Haustür.
Bis Ende Mai bin ich noch Teil des Teams in Schüpfheim. Wenn ich danach zurück zum Blick gehe, nehme ich definitiv eine neue Perspektive mit – und die Erkenntnis, dass es manchmal guttut, die Welt kurz auf A3 auszudrucken, um den Überblick zu behalten.





