Jouschus gehen fremd
Der Journalismus ist tot, lang lebe der «Lokal»-Journalismus!
May 23, 2026
Lesezeit
4 Min.

Von

Maria-Rahel Cano
Von Anfang März bis Ende Mai 2026 verbringen die Jouschus drei Monate in einer fremden Redaktion. Jede Woche berichtet eine oder einer von ihnen von den Erfahrungen aus dem Praktikum.
Crazy, wie fängt man so einen Blogbeitrag an?
Sicherlich nicht mit dem Wort «crazy».
Solche Anglizismen hat man mir bei meinem Volontariat bei der NZZ rasch ausgetrieben. No Bullshit.
Fangen wir am besten zuoberst an: mit dem Titel. Ich verspreche, er macht am Ende Sinn. Haltet durch. Warum steht «lokal» in Anführungszeichen? Weil es ein bisschen vermessen anmutet, das «NZZ Ressort Zürich» als klassischen Lokaljournalismus zu verstehen. Zürich ist Weltbühne, Finanzplatz, meinungsbildendes Epizentrum. Die Limmatstadt prägt die Debatten des Landes, auch wenn das Parlament in Bern sitzt.
Daher überrascht es nicht, dass mir der Rektor der UZH, Michael Schaepman, auf die Frage, warum die Studierenden nach dem Studium hierbleiben wollen, antwortete:
«Züri isch eifach die gäilsti Stadt vo dä Wält».
Die Zürcher Bescheidenheit – man muss sie einfach lieben. Aber im Ernst: Obwohl der Dialekt eine ästhetische Herausforderung für meine Ohren bleibt, ist es wirklich ein wahnsinnig toller Ort, um überteuerten Kaffee zu trinken. Und um Geschichten zu schreiben. Dem Züri-Ressort der NZZ gelingt es dabei, das Grosse mit dem Kleinen zu verbinden. Lange Reportagen, hartnäckige Recherchen, zugleich der schnelle Primeur und die Tagesaktualität am Puls des Geschehens. Alles hat hier Platz. Kurz: Das Kleine wird gross. (oder umgekehrt)
Ich habe es selbst erlebt an einem scheinbar banalen Velostreifen am Neumühlequai. I KID YOU NOT. In Zürich wäre beinahe Bürgerkrieg ausgebrochen, weil die Stadt ohne Erlaubnis des Kantons eine Autospur aufgehoben und einen Velostreifen daraus gemacht hat.
Die bürokratischen Details will ich euch ersparen, die Erkenntnis daraus nicht: Die Schweiz hat von diesem Debakel kaum Notiz genommen, die Welt schon gar nicht. Wal-Timmy ist ersoffen, Trumps Instagram-«Whitehouse»-Channel postet weiterhin absurde KI-Videos und «Fischi» wird nicht als Trainer an der Eishockey-WM sein. Aber dieser kleine gelbe Streifen (der nun nicht mehr ist), hat die ganze Region bewegt. Ein Velostreifen! Ich finde das bemerkenswert.
Gegen den Weltschmerz: Warum Lokaljournalismus die bessere Therapie ist
Aus dieser Geschichte – und vielen anderen – habe ich Folgendes mitgenommen, und das möchte ich allen mitgeben, die sich für ein Volontariat beim Ressort Zürich interessieren (oder sich aus Gründen, die sich mir entziehen, auf diese Seite verirrt haben): Wenn die Welt um uns herum gefühlt in Flammen steht und wenn die grossen Krisen uns zu erdrücken drohen, dann ist die Hinwendung zum Nahen, zum Konkreten ein Akt der geistigen Selbstbehauptung. Manchmal auch eine Wohltat für Kopf und Seele.



Es ist keine Abwendung vom Weltgeschehen, sondern eine Hinwendung zu den Menschen. Zu den Menschen, die hier sind. Und zu dem, was sie beschäftigt, freut, nervt, wichtig finden oder zu Unrecht übersehen.
Ob ich in aller Herrgottsfrühe am Bahnhof Winterthur stand, um über einen Busstreik zu berichten, oder ob ich mich am Wochenende in die nervenaufreibende Disziplin des Wahl-Tickers stürzte: Mein Journi-Herz wäre fast geplatzt vor Freude – und auch vor Stolz. Das Gefühl, das erste Mal den eigenen Namen über einem Artikel in einer gedruckten Zeitung zu sehen, werde ich nie vergessen. Genauso wenig wie die Erfahrungen und Erlebnisse, die ich in dieser Zeit sammeln durfte.
Die Bandbreite des Zürcher Lebens ist riesig. Ich ergründete die absurden Riten des Sechseläutens, begleitete die lokale Politik, war im Zoo, an einem Rave und im Dinosauriermuseum im Aathal. Ich habe leicht angeheiterte Schweizer in der Fanzone der Eishockey-WM interviewt, besuchte Gerichtsprozesse und kostete – man glaubt es kaum – eine Erbsenbratwurst. Selten habe ich so viel in so kurzer Zeit erlebt. Fast alle diese Geschichten hatten eines gemeinsam: Sie spielten sich draussen ab. Und sie wurden nur dank einer Redaktion möglich, die sich ihrer Volontärinnen annimmt, sie fördert und fordert.
Drei Monate im Ressort Zürich hinterlassen bei mir die Gewissheit:Nichts ist kleinlich, wenn es die Menschen betrifft.
Während in der Medienbranche eine teils berechtigte, teils schon fatalistische Stimmung herrscht, durfte ich in meiner Rotation eine andere Seite kennenlernen. Eine, die Hoffnung macht. KI hat vieles verändert und wird noch vieles verändern. Der Journalismus, wie wir ihn kennen, liegt vielleicht im Sterben. Aber darum schneide ich mir etwas von der selbstbewussten Manier der Falkenstrasse 11 ab und behaupte, durchaus mit feiner Zuspitzung: Der Journalismus ist tot, lang lebe der Lokaljournalismus!






