Berlinreise 2026

Roboterkameras und Stimmkarten

Sep 17, 2026

Lesezeit

5 Min.

Von

Jovana Nikic

Ein Surren liegt in der Luft, Lichter flackern auf, Kameras gleiten wie von Geisterhand geführt über Schienen durch den Raum. Wir stehen mitten im vollautomatisierten News-Studio der WELT bei Axel Springer. Keine Kameraleute aus Fleisch und Blut, nur hochpräzise Technik, die Sekunde für Sekunde das Zeitgeschehen nach draussen sendet. Willkommen in Berlin – einer Stadt, die niemals stillsteht und für vier Tage der Klassenzimmer-Ersatz für die Ringier Journalistenschule war.

Der Auftakt bei Axel Springer markierte den Startschuss für ein intensives Programm. Im Austausch mit den Journalistenschülerinnen und -schülern der Axel Springer Academy verglich man Notizen über die Zukunft unseres Handwerks.

Qualität braucht Haltung, nicht nur High-End-Technik

Am nächsten Tag wartete ein starker Kontrast zum Springer-Prunk: der Besuch bei SRF-Korrespondent Stefan Reinhart. Er gab uns tiefere Einblicke in regionale Vernetzung, Berichterstattung und Infrastruktur im Ausland. Die Erkenntnis des Gesprächs: Es braucht nicht immer Millionen-Studios für exzellenten Journalismus. Was es wirklich braucht, sind gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein, saubere Recherche und ein unvoreingenommener Blick auf die Welt – in diesem Fall auf die Metropole Berlin.

Video: Jeremy Goy

Der Weg vom Schweizer Journalisten führte zur Schweizer Botschaft in der Nähe des Kanzleramtes. Auf dem diplomatischen Parkett ging es um Aussenbeziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland – eine geopolitische Einordnung, die kurz darauf im Reichstag ihre Fortsetzung fand.

Beim Anblick des mächtigen Plenarsaals konnten wir uns ein Augenzwinkern nicht verkneifen: «Nur halb so schön wie das Bundeshaus», scherzten wir in der Schweizer Delegation. Der Grund für die kühle Ästhetik hat historische Ursachen: Das Bundeshaus setzt auf warmes Holz, während der Reichstag unter dem Naziregime ausbrannte und nach dem Wiederaufbau eine modern-transparente Glas-Stahl-Architektur erhielt. Ein faszinierender Kontrast folgte bei der Abstimmungspraxis: Trotz aller technologischen Aufrüstung stimmt der Bundestag ganz ohne digitale Hilfsmittel ab – schlicht und klassisch mit Stimmkarten.

Den kulinarischen Höhepunkt des Tages bildete das gemeinsame Abendessen mit dem Publizisten und Kolumnisten Frank A. Meyer. In angeregter Atmosphäre diskutierten wir über die feinen Nuancen des Schreibens, die Bedeutung von Poesie und Stil sowie die Kunst, trotz eigener klarer politischer Haltung journalistische Unabhängigkeit zu wahren. Wie der Abend danach für die Klasse ausklang? Alles unter drei, oder wie man in der Schweiz so schön sagt: off the record.

Merk(el)würdige Hände und Schatten

Der dritte Tag begann entspannt: Ausschlafen, eine kleine Shoppingtour oder das Rätseln vor dem offiziellen Porträt von Angela Merkel. Fehlt an ihrer linken Hand auf dem Gemälde tatsächlich ein Finger oder ist es doch nur ein ungewöhnlicher Perspektivenwinkel? Die Klasse blieb in der Analyse gespalten.

Später tauchten wir in die Berliner Stadtgeschichte ab. Bei einer Führung durch den Neuköllner Körnerkiez erfuhren wir skurrile und berührende Geschichten – von ägyptischen Krokodilen, die auf den Park-Namensgeber Franz Körner zurückgehen, über die Drogenproblematik des Quartiers bis hin zu Einzelschicksalen ukrainischer Zwangsarbeiter, die von der katholischen Kirche zum Ausheben von Friedhofsgräbern herangezogen wurden.

Zum Abschluss stiegen wir in die «Berliner Unterwelten» hinab. Der Besuch eines ehemaligen Luftschutzbunkers verdeutlichte die Absurdität und Härte des Zweiten Weltkriegs: Der Bunker war primär für Frauen aus der Waffenindustrie vorgesehen – allerdings nur, wenn sie mehr als vier Kinder hatten, damit sie trotz des Bombenterrors «ausgeschlafen» in den Fabriken weiterarbeiten konnten. Ein Detail blieb besonders haften: die phosphoreszierende Wandfarbe, die sich bei Licht auflud und nach einem Stromausfall noch für knapp zwei Stunden Orientierung im Dunkeln bot.

Das wichtigste Werkzeug: das eigene Netzwerk

Diese vier Tage in Berlin waren weit mehr als ein lehrreicher Ausflug. Sie haben gezeigt, wovon unser Beruf im Kern lebt: von Kontakten, Vertrauen und Austausch. Wie intensiv Journalismus auf Netzwerke baut, zeigte sich bereits bei der Organisation der Reise. Hier ein Anruf, da eine E-Mail, und schon öffneten sich Türen zu Orten, die man als Touri selten zu Gesicht bekommen hätte.

Für uns als Klasse war diese Reise formend. Im Verlauf der zweijährigen Ausbildung arbeiten wir eng zusammen, hinterfragen Entwürfe und lernen voneinander. Berlin hat nicht nur unser Wissen erweitert, sondern aus einer Gruppe von Journalistenschülerinnen und -schülern ein Netzwerk für die Zukunft geschmiedet.

Unser Journalismus ist wahrhaftig und fair. Er hilft Bürgerinnen und Bürgern, ihr Umfeld und die Welt besser zu verstehen, Ereignisse einzuordnen, sich eine fundierte Meinung zu bilden und Entscheidungen zu treffen. Das gelingt, indem wir vertrauenswürdig informieren. Wir orientieren uns an Fakten und trennen klar zwischen Berichterstattung und Kommentar. Unser Journalismus ist unabhängig. Technologischen Entwicklungen stehen wir offen gegenüber.
Haben Sie Fragen, Anregungen oder Feedback.

Ringier Journalistenschule
Dufourstrasse 23
8008 Zürich

Ringier Journalistenschule 2025©

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