Jouschus gehen fremd
Drei Monate bei der Zeit: Käse, Dialekte und guter Journalismus
May 31, 2026
Lesezeit
4 Min.

Von

Céline Sallustio
Von Anfang März bis Ende Mai 2026 verbringen die Jouschus drei Monate in einer fremden Redaktion. Jede Woche berichtet eine oder einer von ihnen von den Erfahrungen aus dem Praktikum.
Das habe ich gemacht:
• Ich arbeitete für drei Monate im Ressort ZEIT WISSEN.
• Ich schrieb über die Geschwisterliebe von Afrikanischen Buntbarschen.
• Ich besuchte einen Hamburger Wochenmarkt und wagte mit einem Gemüsehändler ein Experiment: Verstehen wir uns, wenn er auf Plattdeutsch spricht und ich auf Schweizerdeutsch? Daraus entstand ein Podcast über Dialekte.
• Ich probierte mit meinem Kollegen Urs Willmann 15 verschiedene Käsesorten. Wir bewerteten die Käsesorten nach ihrer Konsistenz und ihrem Gestank. Weil: Chli stinke muess es, oder? Daraus entsteht gerade eine Infografik.
• Und ich reiste nach Thüringen, wo ich einen ganz besonderen Käse probierte: Milbenkäse. Auch daraus ist ein Podcast enstanden. Er erscheint am Sonntag, 7. Juni bei ZEIT WISSEN «Woher weisst du das?»
• Und ich arbeitete acht Wochen lang an einem Text, der mir sehr am Herzen liegt. Dafür las ich Duzende Studien, ein Buch, führte Interviews und zahlreiche Gespräche. Worum es genau geht, verrate ich noch nicht. Nur so viel: Verletzlichkeit zeigen lohnt sich.
Das hat mich beeindruckt:
• Giovanni di Lorenzo ist der Chefredaktor der ZEIT. Einmal in der Woche hielten wir eine grosse Blattkritik mit über 250 Journalistinnen und Journalisten. Seine ruhige, überlegte, intelligente, unaufgeregte, sympathische und lustige Art beeindruckte mich. Und: Er ist das wohl beste Beispiel, wie ein Chefredaktor oder Chefredaktorin gekonnt eine Marke repräsentiert. Dabei ist er sich auch nicht zu schade, auf TikTok aufzutreten. Das macht ihn noch sympathischer.
• Die ZEIT zeigt Haltung. In den Redaktionssitzungen werden Themen auf einer Metaebene aufgegriffen, die ich hierzulande vermisse: Wem geben wir eine Plattform, wem nicht? Wann bringen wir die Story, wann nicht?



Das habe ich gelernt:
• Mach dir Gedanken! Nicht einfach losschreiben, sondern zuerst überlegen: Was möchte ich mit dem Text sagen? Welches Gefühl möchte ich vermitteln? Was ist der rote Faden? Welchen Dreh braucht der Text? Was für eine Message sollte der Leser oder die Leserin mitnehmen? Was gibt es Positives darüber zu berichten?
• Eine Redaktion, die gemeinsam diskutiert, die vor Ort arbeitet, miteinander Mittagessen geht, danke sagt und hilfsbereit ist, ist eine Redaktion, in der ich gerne arbeiten möchte. Und ich bin überzeugt, dass Texte durch einen gemeinsamen Austausch besser werden.
• Journalismus ist Handwerk und das heisst: üben, üben, üben.
• Obwohl die ZEIT sorgfältig darauf achtet, dass gleich viele Frauen wie Männer in Führungspositionen sind, hat sich mein Eindruck bestätigt, dass es Frauen schwerer haben, an gute Jobs zu kommen. Ich frage mich, woran es genau liegt. Bisher habe ich noch keine abschliessende Antwort darauf gefunden. Nur so viel: Ich habe den Eindruck, dass Männer von Männern gefördert werden. Nicht nur bei der ZEIT, auch in anderen Redaktionen. Und ich frage mich: Wo sind die Frauen, die von Männern gefördert werden? Oder die Frauen, die Frauen fördern?
Das war besonders cool:
• Peter reiste letzte Woche nach Hamburg, um eine Blattkritik in unserem Ressort zu halten. Später besuchten wir das ehemalige Büro im 7. Stock von Helmut Schmidt. Als er dort arbeitete, durfte während den Redaktionskonferenzen getrunken und geraucht werden. Sein Büro riecht heute noch immer nach Tabak.
• Das Mensaessen kostet 4.95 Euro und wird von einem Sternekoch zusammengestellt.
• Die ZEIT in Hamburg hat Einzelbüros! So komfortabel und angenehm, dass ich mich frage: Wer kam jemals auf die Idee von Grossraumbüros?






