Jouschus gehen fremd
Kein dickes Fell nötig – Was mich in der Berliner Redaktion überrascht hat
Apr 10, 2026
Lesezeit
3 Min.

Von

Riccarda Campell
«Berlin wird dich verändern», haben mir viele gesagt, bevor ich für ein Praktikum beim Stern nach Berlin zog. Nun ist bald die Hälfte meiner Zeit hier vorbei. Bin ich anders? Nicht wirklich.
Der Stern sitzt im Hauptstadtstudio von RTL: Grosses Fernsehstudio, fantastische Dachterrasse, Promis kommen und gehen wie bei einem endlosen Casting. Trotzdem erinnert mich die Redaktion in vielen Punkten an die vom Blick, in der ich zuvor im Ressort Wirtschaft gearbeitet habe. Beim morgendlichen Meeting stellen alle noch leicht verschlafen ihre Ideen vor. Später wird auf dem Weg zur Mittagspause darüber diskutiert, in welches der hippen Lokale der Innenstadt man essen geht. Auch strukturell gibt es Parallelen: Der Stern arbeitet wie der Blick mit einem Wirtschaftsmagazin zusammen, nämlich mit Capital. Nur ist die Zusammenarbeit hier deutlich enger. Stern Wirtschaft und Capital sitzen sogar im selben Büro, inklusive gemeinsamer Morgenrunde.
Ein grosser Unterschied ist die wöchentliche Stern-Runde, in der die ganze Redaktion – ja, die ganze! – über neue Themen diskutiert. Und die Büros? Viel ruhiger, weniger hektisch, nicht alles hängt an der aktuellen Newslage. Die Texte sind länger, gehen tiefer, und es wird viel Wert auf starke Bilder gelegt. Das gefällt mir. Trotzdem zahlt sich mein Know-how vom Blick aus: Einen guten Titel zu finden, lernt man dort nun mal besser als irgendwo sonst.
An meinen Schweizer Akzent müssen sich die Kollegen wohl noch gewöhnen. Auch Telefonpartner für Artikel reagieren manchmal skeptisch, wenn eine Schweizer Nummer mit starkem Schweizer Akzent für das deutsche Magazin Stern anruft. Ja, ich musste mir tatsächlich schon das Handy eines Kollegen leihen, nur damit die Leute mir glauben, dass ich wirklich beim Stern arbeite.



Der harte Ton
Man sagt, der Ton in deutschen Redaktionen sei hart. Also dachte ich: «Alles klar, Riccarda, hier bekommst du ein dickes Fell.»
Denkste!
Wenn sich mal jemand im Ton auch nur ein bisschen vergreift, folgt die Entschuldigung direkt. Feedback wird so ausführlich erklärt, dass man tatsächlich etwas daraus mitnimmt. Auf mich herabschauen tut hier niemand, weil ich «nur» Praktikantin bin.
Im Gegenteil: Mir wird erstaunlich viel zugetraut. Ob lange, tiefgründige Analysen zu komplexen Themen, ein Artikel in wenigen Stunden, eine grössere Recherche oder eine Blattkritik, ich darf mich überall versuchen. Iran-Krieg, Spritpreise, Tourismus, Gleichstellung, Vorsorge, Tech-Giganten und natürlich die Deutsche Bahn. Und meine Ideen in den Sitzungen? Die werden tatsächlich fast immer angenommen.
Klar, das erzeugt Druck. Manchmal tippe ich wie besessen auf die Tastatur und bin für Stunden kaum ansprechbar. Die Tage sind lang, und ich schreibe viel. Aber das Gefühl, einen schönen Text fertigzustellen und gutes Feedback zu bekommen, ist es wert. Ganz ehrlich: Irgendwie liebe ich diesen Stress auch ein bisschen.
Am liebsten schreibe ich Texte aus der Sicht einer Schweizerin, eine Serie, die ich beim Stern gestartet habe. Dieser ironische, leicht bittere Ton gefällt mir besonders gut. Dabei soll der Text Kritik üben, aber eher wie ein freundschaftlicher Stupser in die Seite als ein harter Schlag. Ob es um die Deutsche Bahn oder die Berliner Mietpreise geht: Stoff zum Aufregen gibt es in Deutschland genug. Und trotzdem bleibt es ein wunderschönes Land. Noch nie habe ich in einer Stadt gelebt, in der vor der Wohnungstür ein Club pulsiert, auf dem Platz davor ein Bauernmarkt mit überteuertem Biogemüse stattfindet und einem beim Abendspaziergang auch mal ein Fuchs über den Weg läuft.
Berlin verändert mich nicht. Aber es zeigt mir, wie viele Welten in eine einzige Stadt passen.





